Auf dem Weg nach Santiago de Compostela zu sich finden
Das Pilger-Erlebnis von 2010 wird erst in elf Jahren wieder möglich sein. Santiago de Compostela feiert ein »Heiliges Jahr«, weil der Namenstag des heiligen Jakobus – der 25. Juli – auf einen Sonntag fällt. Nicht anders als bei einem »Heiligen Jahr« in Rom gibt es auch im spanischen Wallfahrtsort eine »Heilige Pforte«. Im letzten »Heiligen Jahr« 2004 machten sich zwölf Millionen Pilger nach Santiago de Compostela auf – ein lohnendes Ziel.
Hochfest in der spanischen Jakobus-Stadt Santiago de Compostela: Weil der Namenstag des Apostels am 25. Juli auf einen Sonntag fällt, wird 2010 als »Heiliges Compostelanisches Jahr« begangen. Das letzte gab es 2004, das nächste wird erst 2021 sein. Im vergangenen »Heiligen Jahr« machten sich zwölf Millionen Menschen auf den wohl berühmtesten Pilgerweg der christlichen Geschichte Europas.
Naturgemäß ist ein »Heiliges Jahr« am Apostel-Grab von besonderen Feierlichkeiten geprägt. Beispielsweise wird während jeder Pilgermesse in der Kathedrale der gewaltige Weihrauchkessel geschwenkt, was in normalen Jahren nur wenige Male geschieht.
Öffnung der »Heiligen Pforte«
Seinen Auftakt nimmt ein »Heiliges Jahr« in Santiago de Compostela am 31. Dezember des Vorjahres mit der Öffnung einer »Heiligen Pforte«. Seit dem späten 15. Jahrhundert ist aus Santiago de Compostela die Tradition verbürgt, zu besonderen Anlässen eine »Pforte der Vergebung«, eine »Heilige Pforte« zu öffnen. Dazu dient eine romanische Tür, die an der Ostseite der großen Kathedrale zwischen der Erlöserkapelle und der Peterskapelle in den Chorumgang führt.
Der Vorbau zeigt die Skulpturen des heiligen Jakobus und seiner Schüler Athanasius und Theodorus. Die eigentliche Pforte betreten die Pilger unter dem lateinischen Spruch: »Es kommen alle Völker und verkünden Deine Ehre, Herr.«Bis zur letzten Öffnung der »Heiligen Pforte« am 31. Dezember 2003 wurde nach drei Schlägen des Erzbischofs jeweils eine Wand eingerissen, mit der die Tür vermauert war. Nach dem letzten »Heiligen Jahr« wurde jedoch keine Wand mehr aufgemauert, sondern stattdessen eine Gittertür eingesetzt.
Sobald die »Heilige Pforte« geöffnet ist, sind Pilger willkommen. Ihnen öffnet sich vom »Berg der Freude« der Blick auf Santiago de Compostela. Fußpilger haben oft wochenlang der glühenden galizischen Hitze getrotzt, gegen Regen und Wind angekämpft, der Versuchung des Abbrechens widerstanden. Endlich zeigt sich ihnen die Jakobus-Stadt! Als solle diese alte Pilger-Erkenntnis noch einmal verinnerlicht werden, hat der Fußpilger auch noch einen kurzen Marsch nach Santiago de Compostela vor sich, wenn er auf dem »Berg der Freude« steht. Erst dann kann er in die Kathedrale eintreten. Seit Ende der Achtzigerjahre steigen die Pilgerzahlen auf dem Jakobusweg. Zu einem gesellschaftlichen Thema ist die Wallfahrt geworden, seit sich prominente Zeitgenossen zu dieser existenziellen Erfahrung bekennen, wie der Komödiant Hape Kerkeling, der »mal weg war« Richtung Santiago.
Wurden 1990 noch überschaubare 5000 traditionelle Jakobus-Fußpilger gezählt, schwoll die Zahl inzwischen auf 200 000 an. Wer diesen Weg geht, der kommt zu sich. Unterwegs findet die Seele Ruhe, ordnen sich die Gedanken, fügen sich bruchstückhafte Erlebnisse zusammen.
Der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho hat eine solche klärende Erfahrung auf dem Jakobusweg beschrieben: »Ich blickte um mich, sah ein Meer von Wolken, dort, wo ich herausgetreten war, und hoch über mir ein weiteres Wolkenmeer. Zwischen diesen beiden Ozeanen lagen die Gipfel der höchsten Berge und der Gipfel des Cebreiro mit dem Kreuz. Mich überkam der Wunsch zu beten ... Während des vierzigminütigen Aufstiegs war alles um mich herum und in mir still. Die Sprache, die ich erfunden hatte, war versiegt, ich brauchte sie nicht mehr, um mit Gott und den Menschen zu kommunizieren. Der Jakobsweg ›ging mich‹ ... Lange stand ich vor dem Kreuz und blickte auf die Berge und die Wolken, die Himmel und Erde bedeckten und nur die höchsten Gipfel freigaben ... Ein fürchterlicher Schmerz durchfuhr meinen Magen, kroch in die Kehle hinauf und machte sich in einem trockenen, tränenlosen Schluchzen Luft – vor diesem Kreuz, das ich nicht aufrichten musste, weil es einsam und hoheitsvoll vor mir stand und dem Wetter trotzte.«
Wie beglückend, ein Ziel zu haben!
