Und was glauben Sie?
Kein religiöser Aufbruch, aber auch kein Absturz: 70 Prozent der Katholiken in Westdeutschland bezeichnen sich als „religiös" - genau so viele wie vor zehn Jahren. Der religiöse Grundwasserspiegel hat sich also auf recht stabilem Niveau eingependelt. Dies ist eines der Ergebnisse des Trendmonitors „Religiöse Kommunikation 2010", der jetzt in Freiburg vorgestellt wurde.Die Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach bestätigt eine Bertelsmann-Untersuchung von 2008. In dieser gaben ebenfalls 70 Prozent der Bevölkerung an, religiös oder gar hochreligiös zu sein. Für die Kirchen allerdings besteht kein Anlass zu voreiligem Jubel: „Sich als religiösen Menschen zu bezeichnen, ist etwas ganz anderes als sich als kirchlich zu erklären", so Rüdiger Schulz vom Allensbach-Institut.
Probleme bei heißen Eisen
Seiner Analyse zufolge tauchen „die großen Probleme" vor allem bei heißen Eisen auf. Nur 13 Prozent der Befragten seien mit dem Pflichtzölibat für katholische Priester einverstanden, ebenso viele oder wenige wie mit der katholischen Sexualmoral. Insbesondere die offizielle Lehre zum Thema Verhütung findet bei weniger als jedem zehnten Katholiken Zustimmung. Schulz, der die Studie im Auftrag der kirchlichen Medien Dienstleistung GmbH (MDG) geleitet hat, kommt zu dem Ergebnis: „Vorschriften, die die persönliche Lebensführung betreffen, sind nicht erwünscht."
Aber: Sehr wohl gefragt ist die Stimme der Kirche, wenn es um gesellschaftliche Probleme geht. Mit ihren Stellungnahmen in Sachen Frieden erklären sich 77 Prozent einverstanden (vorherige Studie: 69), beim Thema Menschenrechte sind es 68 (66) Prozent, zum Bereich Arbeitswelt 65 (56) Prozent. Angesichts der gewachsenen Zustimmung auf diesen Feldern lehnt Schulz die These von einer Kirchenfeindlichkeit ab. Vielmehr herrsche „latentes Wohlwollen" - und die Überzeugung, dass „die Welt ohne die Kirchen um Vieles ärmer" wäre. Überaus geschätzt ist zudem das kirchliche Engagement etwa in Kindergärten oder in der Krankenpflege.
Doch die Kirchenoberen wollen auch die für sie sorgenvollen Trends stärker in den Blick nehmen und nicht mit Scheuklappen durch „die Welt von heute" laufen. Die Deutsche Bischofskonferenz hat dazu eigens eine Arbeitsgruppe gebildet. Diese „Steuerungsgruppe" soll im Sommer erstmals zusammenkommen. Ihr gehören der Münchner Erzbischof Reinhard Marx an, der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode und der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck. Laut Pressemitteilung werden sie sich auch beschäftigen mit dem „besonderen Einfluss des kulturellen Pluralismus in der deutschen Gegenwartsgesellschaft, der auch vor der Kirche nicht Halt macht".
Herausforderungen für kirchliche Medien
Dieser Trend stellt insbesondere die kirchlichen Medien vor Herausforderungen. Sind beispielsweise die Bistumszeitungen Sprachrohr ihrer Herausgeber oder Forum für unterschiedliche Meinungen? Die Allensbach-Studie hat die Nutzung der Bistumspresse untersucht und fasst die Ergebnisse in einem Dossier so zusammen: „Die großen Anstrengungen bei den Bistumszeitungen können deren Rückgang nicht aufhalten." Gleichzeitig blieben sie wichtige Kommunikationsorgane.
Katholiken, die von den traditionellen kirchlichen Medien nicht erreicht werden, nutzen laut MDG-Untersuchung „in sehr hohem Anteil" das Internet - allerdings nur selten, um sich über religiöse Themen zu informieren. Marc Calmbach vom Heidelberger Trendforschungsinstitut Sinus Sociovision sieht hier jedoch Anknüpfungspunkte für kirchliche Themen. Insbesondere die Gruppe der „Experimentalisten" sei an Angeboten zum Sinn des Lebens interessiert. Das Papier macht hier kirchlichen „Nachholbedarf" aus, denn: „Gerade bei der Erreichung neuer, jüngerer Zielgruppen könnte das Internet eine wichtige Rolle spielen." Der Link ins Web, um den Grundwasserstand zu halten - für viele Beobachter kommt das Rezept nicht ganz überraschend.
Teaser-Bild: pixelio
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